Ein wahrer Harmonien-Zauberer - der Nylonstringer Boris Kischkat

 

Bossa, süddeutsch

 

Bossa libre nennt sich seit geraumer Zeit ein Duo von Jochen Feucht (sax, fl, bassett) und dem Nylonstringer Boris Kischkat. Inzwischen hat sich das Tandem mit der brasilianischen Sängerin Viviane De Farias und deren Landsmann Mauro Martins (perc) zum Quartett verdoppelt und stellt sich als solches mit einer sehr schönen Jobim-Hommage in zwölf Stücken unter dem Album-Titel "Bossalibre – Por Toda Minha Vida" [www.bossalibre.com, o. Nr.] vor, die allesamt hoffen lassen, dass der verdiente gute Ruf dieser Gruppe sich alsbald weit über den Stuttgarter Raum hinaus mehren möge.

Feucht ist längst und nicht nur im Württembergischen eine Institution, und seine drei Mitstreiter könnten es locker werden.  Das Dutzend  Jobim-Songs wird in der Interpretation dieser vier zum feinsinnigen, sanften Vergnügen, das mich ein wenig an die sanfte Überzeugung von Quadro Nuevo erinnert, wie es Tango präsentiert [s. hier].  Viviane De Farias' Gesang ist eine einzige Freude, kräftig und zart zugleich, wunderbar sensibel und sensitiv, zärtlich in den höheren, mitunter mit leicht dramatisierenden Unterschwingungen in den tieferen Lagen, und dazwischen offenbart sich eine ganze weite Welt durchweg zu Herzen gehender Ausdrucks-Weisen.  Jochen Feuchts Spiel ist fast durchgängig von warmer, nie monoton werdender oder sonstwie schwächelnder Kammermusikalität, ein Spiel trotz allem, das zumindest hier zumeist Härte vermeidet, nichts überzieht, durchaus an die alten großen Zeiten mit Bud Shank und Laurindo Almeida erinnert und so fast schon so etwas wie eine gewisse Geborgenheit erzeugt.

Was dem einen sein Laurindo, ist dem anderen sein Boris Kischkat. Zwar ist Boris kein "Virtuoso" im heute so inflationär üblichen, dabei bloß handwerklichen Sinn, und das will er wohl auch nicht sein. Stattdessen beeindruckt dieser Nylonstring-Gitarrist als ein wahrer Zauberer wunderbarer, zuweilen schier himmlischer Harmonien, als ein wahrer Poet der Konzertgitarre. Zusammen mit dem delikaten Spiel Martins' addiert sich das alles zu einem Kleeblatt, das ganz einfach die Seele erfreut. Das ist schon sehr viel. Es muss nicht immer Rekordverdächtiges sein, nicht immer Flinkfingerei, von der es in technik- statt substanzversessenen Zeiten schon jede Menge gibt. Es muss nichts all zu Kopfiges sein, womit wir heutzutage auch halbwegs überschwemmt werden. Mit der Musik direkt ins Gemüt und damit mal getrost zurück zu den Wurzeln, aus denen Musik einst überhaupt erst erwachsen ist – das ist in der Tat sehr viel.

Zum Einstieg lausche man dem äußerst geschmackvoll-schlicht gehaltenen Titelstück und zur Abwechslung gleich mal  der unterschwelligen Dramatik des merklich komplexeren "Chora Coraçâo" (eine Arbeit von Jobim mit  Vinicius), und dann hat man in nuce das ganze Spektrum dieser Sympathischen Vier.

Und das bietet eine ganze Menge mehr als nur die "dinner music", die vor fast fünfzig Jahren Bud Shank und Laurindo Almeida bescheidenerweise gemacht zu haben meinten…

 

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