Von Berlin aus sorgt seit dem Jahr 2000 ein Finne für höchst kreative Unruhe

 

Alles ist möglich - Kalima

 

Schon im November 2007 hatte agas seine Platte "Chasing Yellow" sehr positiv besprochen [s. hier]. Das war die Zeit des BerlinerJazzFests, und das wiederum war für den finnischen Wahl-Berliner so etwas wie ein Ritterschlag, ein Durchbruch bis hinein in die bürgerlichen Feuilletons. Dass ein Gitarrist, zumal ein ortsansässiger für die Institution "JazzFest" - die ehemaligen "Berliner Jazztage" - solche Weihen empfangen darf, kommt nicht oft, nein: eher gar nicht vor. Und dann, Anfang 2009, kamen seine Solo-CD "Pentasonic" und "Very Early" mit seiner Gruppe Jazz Parasites heraus [s. hier]. Die machten dann "den Bock fetf": Ein Interview mit diesem auf so vielfältige Weise bewundernswert kreativen und spannenden Nonkonformisten und Motivator war unumgänglich...

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agas: Du bist gerade auf Tour. Mit wem? Und wo bist du gerade?

KK: Ich bin in Mannheim, mit Johnny La Marama.

agas: Die übliche Frage erst mal: Kommst du aus einem musikalischen Elternhaus?

KK: Nicht im üblichen Sinne. Meine Eltern sind beide Juristen. Musik wurde zwar gehört, aber es wäre zu viel gesagt, sie als "Kenner" zu bezeichnen. Allerdings gibt es ein paar Cousins, die tatsächlich klassische Musiker geworden sind. Meine Entscheidung, Musiker werden zu wollen, ist Anfangs auch keineswegs akzeptiert worden. Ich habe  damals Jazz und Jura gleichzeitig studiert. Das war ja auch der Grund, weshalb ich nach Deutschland gekommen bin. Ich habe für mich in Finnland keine Perspektive gesehen, dort als Musiker arbeiten zu können. ich wollte einfach erst mal schauen, wie es im Ausland für jemanden aussehen würde, der vor hatte, Musik zum Beruf zu machen.

agas: Nimmst du eigentlich irgendwas ernst außer deiner Familie und der professionellen Tatsache, in ungefähr einem Dutzend unterschiedlicher Bands sehr gut zu tun zu haben?

KK: Ach doch. Ich nehme schon Vieles ernst. Ich lese viel Zeitung; ich verfolge, was in der Welt vor sich geht… Humor ist ein Mittel zur Bewältigung der Realitäten, eine Reaktionsweise halt. Aber Humor allein reicht natürlich auch nicht aus, wenn es darum geht, mit der Realität klarkommen zu müssen. Aber ein starkes politisches Bewusstsein habe ich schon, auf jeden Fall.

agas: Habt ihr Finnen eigentlich einen besonderen Sinn fürs Absurde, fürs Komische, fürs Unorthodoxe? Bist du so etwas wie ein etwas aus der Art geschlagener Leningrad Cowboy des modernen Jazz?

KK: [Lacht]. Dabei sind die Leningrad Cowboys ja schon in der zweiten Generation! Tatsächlich kenne ich einige von denen. Also… ich glaube eigentlich schon an die Gleichheit der Menschen, an vieles, worin sie sich allesamt ähnlich sind. Aber die Finnen haben lange in der Isolation gelebt, und das hat sie gezwungen, irgendwas ganz anderes zu machen als das Übliche. Und die jüngeren Finnen haben etwas gegen Autoritäten. Sie wollen wissen, woran sie sind.

agas: Finnland ist ja auch Langezeit so was gewesen wie ein Pufferstaat zwischen großen Blöcken, einerseits Nachbar von Russland, andererseits "europäisch"…

KK: Das stimmt, wir sind Mischung aus Osten und Westen. Finnland war lange ein isoliertes Land gewesen, mit relativ kleinen Kunst- und Musik-Szenen. Und da lauert immer die Gefahr der Starrheit und des Konservativismus. Aber irgendwo ist da immer auch die Sehnsucht danach, außen vor zu sein, unabhängig und autark zu sein.

agas: Deine Biografie im  Internet ist vom Gehalt er nicht sonderlich ergiebig. Ich wüsste aber doch etwas mehr. Fangen wir an. Erstens: Du bist Jahrgang '73, hast als fünfjähriger Steppke Klavierunterricht gehabt und bist "später" zur Gitarre gewechselt, bei der du dann ja auch geblieben bist. Wann war dieses "später"?

KK: Da war ich elf. Und das war eine ganz klassische Geschichte. Ich hatte einen Freund, und der hatte einen großen Bruder, der viele Platten hatte, Beatles, dann auch Pink Floyd und Queen und solche Sachen. Durch ihn bin ich zur Musik gekommen und habe dann ja auch eine Musikschule besucht.

agas: Zweitens: Wann und was hast du an der Sibelius-Akademie in Helsinki studiert? Und sag' gern noch einen Satz über Raoul Björkenheim.

KK: Na ja, nach dem Abitur habe ich ja erstmal  mit dem Jurastudium angefangen, obwohl ich längst davon geträumt habe, Musiker zu werden. Ich habe mich allerdings erst mal überhaupt nicht getraut, eine Aufnahmeprüfung an der Sibelius-Akademie wenigstens zu probieren. Diese Akademie war der einzige Ort bei uns, um auf Universitätsniveau Jazz und Jazzgitarre studieren zu können, und da ist es halt schwierig, einen Studienplatz zu ergattern. Ein paar Jahre später habe ich aber dann doch die Aufnahmeprüfung probiert, war aber nah wie vor völlig unsicher, ob ich mit Jazz in Finnland überhaupt eine Zukunft haben würde. Jedenfalls bekam ich den Studienplatz – und das war einer von nur fünfen! Und das war auch der Beginn der ernsthaften Arbeit. Das Studium in Finnland war konservativ, aber gut. Später hatte ich Raoul Björkenheim als Lehrer, und er hat mich schon zu etwas verrücktere Sachen ermutigt.  Er macht selbst eine Art Mix aus Jimi Hendrix und späterem Coltrane, kombiniert also irgendwie Free Jazz und Rockgitarre. Aber vor allem hat er mich ermutigt, meine eigene Stimme zu suchen und zu finden. Ich hatte lange Jahre Wes gehört und Pass und fand, dass es Zeit war, endlich was für mich finden und nicht mehr zu kopieren. Mich interessiert die Balance zwischen Tradition und Erneuerung. Ich schaue immer, was ich vom Gestern mitnehmen und nutzen kann.

agas: Drittens: Wann und was hast du dann am Hanns Eisler Konservatorium [in Berlin] studiert? Ist John Schröder denn überhaupt noch gitarristisch tätig?

KK: Ich war Finnland-müde geworden. Und an der Akademie gab es ein Austauschprogramm, für das ich mich beworben habe. So kam ich 1998 nach Deutschland, und tatsächlich habe ich John Schröder als Gitarrenlehrer bekommen. Er spielte in der Band "Rosa Rauschen" und hat durchaus noch so zwei, drei CDs als Gitarrist gemacht, bei dem die Bebop-Roots noch deutlich hörbar sind, auch wenn er heute freier spielt. Wir haben zusammen die Band Momentum Impakto gegründet, in der Schlagzeug spielt.

agas: Viertens: Was hat dich wann und vor allem warum bewogen, fest nach Berlin umzusiedeln? War es das Multikulturelle an der Stadt, das Schmelztiegelhafte?

KK: Wie gesagt, ich bin 1998 hier zum Austauschjahr angekommen. Endgültig hierher gezogen bin ich 2000. Ich hab' dann sehr schnell viele Musiker und Nichtmusiker kennen gelernt und viele Chancen, zu spielen und habe auch Studioarbeit gemacht und etwas unterrichtet. Ich war bald in der glücklichen Lage, von der Musik leben zu können. Und, natürlich – ich komme aus Helsinki und bin ein Stadtmensch und brauche das multikulturelle Leben hier wie dort.

agas: Reflektiert deine oder eure Musik nicht gerade dieses spezifisch berlinisch Schmeltiegelhafte?

KK Ich glaube schon dass die Stadt hier die Musik sehr beeinflussen kann. Viele Einflüsse verschmelzen hier miteinander.Man jammt, man nimmt sich Zeit, Leute kennen zu lernen. Das ist eine offene Szene.

agas: Fünftens: Sag uns etwas über die revelation, die Erleuchtung, die das Leben in Berlin für dich gebracht hat. Ich glaube, dabei ging es um dein Verhältnis zu oder dein Verständnis für den Free Jazz.

KK: Damals, durch die Gruppe Momentum Impakto (in der John Schröder Schlagzeug und Daniel Erdmann saxophone spielten), habe ich über die Zeit eine Art Musikkollektiv kennengelernt. Ich meine die Szene um den "Roten Bereich", um Alexander von Schlippenbach. Es gab auch eine sehr schöne Mainstream-Szene, auch Computer-Musik, asiatische Musik, afrikanische Musik, Klassik und Rock. Und plötzlich hatte ich diese Aha-Erlebnis: Man muss sich nicht unbedingt schubladenmäßig festlegen. Die "Erleuchtung", das war die Offenheit. Alles war möglich. Das war eine ganz wichtige Phase des Ausprobierens, mit allen Höhen und Tiefen. Man hatte einfach den Mut, Sachen auszuprobieren.

agas: Sechstens: Du warst ja auch in den USA und in Afrika und anderswo. Kannst du uns ein bisschen was sagen darüber, wie es nach deiner Umsiedlung nach Berlin weiterging? Es gibt im Internet nur ein paar Namen wie die von Linda Sharrock und Marc  Ducret

KK: Mit Ducret hatte ich schon in Finnland gespielt, und ich war 2000 in der Vorgruppe Nuijamiehet auf seiner Tour in Finnland. Und dann habe ich ihn gefragt, ob er Lust hätte, auf meiner ersten CD mitzumachen. Und Linda Sharrock – ich habe in der Schweiz bei einem Projekt von Christoph Studer mitgemacht, in dem sie gesungen hat. Und in Berlin habe ich einfach das Glück gehabt, Leute wie Chris Dahlgren, Eric Schaefer, Oliver Potratz, Oliver Steidle, Ernst Bier und Ed Schuller kennen lernen zu können.Und ich fing nach ein paar Jahren an, mit bestimmten Leuten öfter zusammenzuarbeiten. Die erste CD mit Momentum Impakto kam dann 1999 'raus, 2000 die CD mit Marc Ducret. Guck dir meine Diskografie im Internet an…

agas: An wie vielen Tagen bzw. Abenden bist pro Jahr eigentlich mal zu Hause bei deiner Familie? Und aus wem besteht die eigentlich?

KK: Ich bin so durchschnittlich 100 bis 120 Tage weg. Die Familie, das sind meine Frau und unsere zwei kleinen Kinder. Meine Frau ist Finnin. Sie arbeitet an der finnischen Botschaft. Die Kinder sind jetzt zwei und fünf. Und es ist auch so, dass ich nicht mehr so viele Tage weg sein will. Man muss einfach Kompromisse machen und sich gut organisieren. Sonst funktioniert das alles nicht.

agas: Kann man sagen, dass das Jazzfest Berlin von 2007 so was für dich war wie der endgültige Durchbruch? Zumindest habe ich damals erstmals über dich gelesen, im Berliner "Tagesspiegel", und fand das sehr interessant, aber auch seltsam, dass ich vorher noch nichts von dir gehört hatte. Woran mag das gelegen haben? Vielleicht daran, dass du absolut nicht einzuordnen bist?

KK: Das war schon ein sehr wichtiger Moment gewesen, wunderschöne vier Tage. Einmal gab's vor dem A-Trane, wo wir auftraten, eine hundert Meter lange Schlange von Menschen, die uns hören wollten. Das A-Trane ist ja recht klein, aber ein toller Ort, und es war ausverkauft. Und wenn wir live spielen, dann erzähle ich schon auch ein bisschen was über mich und unsere Musik. Mir ist die Kommunikation mit dem Publikum schon sehr wichtig; und dass die Leute verstehen, was ich mache. Aber ich bin mir auch im Klaren darüber, dass es sicherlich auch eine Menge anderer Leute gibt, die das nicht verstehen… Weißt du… die Leute wollen immer auch ein bisschen Abenteuer haben. Und wenn man es versteht, sie mitzunehmen, dann ist das genau richtig.

agas: Würdest du dich eigentlich einen Jazzgitarren nennen oder doch eher einen fröhlichen Anarcho-Gitarristen?

KK: Eigentlich würde ich mich schon einen Jazzgitarristen nennen, aber es gibt eben auch fremde Elemente, mit denen ich aber umgehe wie ein Improvisator. Außerdem  - ich komme vom Rhythmus her.

agas: In einem wortgewaltigen Pressetext zur neuesten Platte von Johnny La Marama wird diese Gruppe beschrieben mit "Charme zwischen Tom Waits, Sun Ra und Spaghetti Western". Da wird geredet von "ästhetischem Ungehorsam" und von "sonopsychischer Musik", von "Tabubruch", "Tour de force durch die Prämoderne", vom "Bastard zwischen Futurismus & Anarchismus" etc pp. Das ist ein bisschen viel "zwischen", finde ich. Sitzt du nun zwischen sehr vielen Stühlen oder auf  sehr vielen Stühlen?

KK: Ich versuche, meinen eigenen Stuhl aufzubauen. Es hat schon viele große Leute gegeben, die auf vielen Stühlen  saßen. Es gibt ein ganzes Meer von Stühlen, in das ich mich hineindrängeln will. Aber ich will mich auch nicht auf einen schon besetzten Stuhl setzen.

agas: Ich habe diese Frage bisher nie gefragt, aber bei di möchte ich es doch: Was ist dein primäres Anliegen als Musiker?

KK: Sagen wir, ich möchte herausfinden, was hinter den Tönen liegt. Ein Gefühl, dass man was ganz Schönes oder ganz Spannendes hört, muss man immer wieder neu suchen. Hoffentlich passiert mir das in den Konzerten, dass die Leute das Gefühl bekommen, das sie denken lässt: "Das gibt mir was, und das liegt jenseits der Sprache." Mich interessiert Musiktheorie durchaus, aber es muss auch was anderes geben. Die spannendsten Momente gibt es nur in Live-Auftritten. Und mir geht's schon darum – ich bin nicht so ein Virtuose, der überall mitmischen könnte -, dass ich Musiker finde, die zu mir passen. Nicht Virtuosität ist mir wichtig, sondern der Zusammenklang, das Kollektive, darum geht's mir.

agas: Was ist für dich wichtiger: Die musikalische Überraschung oder sogar der musikalische Schock oder das Komische in der Musik? Inwieweit nimmt deine Musik sich selber ernst?

KK: Man sollte dem Publikum nicht nur gefallen wollen, sondern es immer auch herausfordern.

agas: Hast du eigentlich ein besonderes Fauible für die Trio-Form? Ich glaube, ich kenne dich nur solo und ansonsten ausschließlich in Trios.

KK: Es gibt auch ein paar andere Sachen. Aber das Trio ist nun mal eine praktische Angelegenheit. Ich finde auch, diese Dreier-Konstellation hat irgendwas Magisches. Und sie bietet genug Freiraum, verlangt aber auch genug Disziplin.

agas: Aus Gründen partieller Unübersichtlichkeit würde ich gern deine  Aktivitäten etwas aufgeschlüsselt haben. Mir sind bisher vertraut 1) Klima Kalima, 2) die Jazz Parasites, 3) Johnny La Marmara, 4) das Solo-Unternehmen Kalle Kalima Pentasonic und 5) Baby Bonk. Du spielst aber auch noch in Momentum Impakto, im Soi Ensemble, in der Gruppe K-18 und in der Gruppe UNKL (mit der du, glaube ich, auch in den USA warst), und wahrscheinlich gibt es noch ein paar Gruppen oder Projekte, in denen du aktiv bist. Wie kann man in derart vielen Gruppen arbeiten, ohne schizophren zu werden oder vor Erschöpfung zusammenzuklappen?

KK: Ich bin zurzeit aktiv mit Klima Kalima, Johnny La Marama, Pentasonic und Baby Bonk. Die anderen sind im Prinzip nicht mehr aktiv oder zurzeit nicht mehr aktiv. Und die Jazz Parasites spielen auch immer noch gelegentlich, also: immer mal wieder.

Klima Kalima gibt es seit 2000, und das ist immer noch die originale Besetzung. Wir haben uns schon als Studenten kennen gelernt und hatten damals viel zeit zum Proben. Wir sind fünf Jahre lang in einem alten Opel Astra unterwegs gewesen, so lange, bis er nicht mehr durch den TÜV kam. Der ist dann durch einen Ghanaer Drummer nach Ghana gekommen, wo er vermutlich heute noch fährt. Wir haben zwei CDs gemacht bisher. "Chasing Yellow" kam bei Enja heraus. 2008 haben wir den Neuen Deutschen Jazzpreis von der IG Mannheim gewonnen, mit einem stattlichen Preisgeld von 10.000 Euro. Zurzeit arbeiten wir an unserer dritten CD. Ich schreibe alle Stücke für die Gruppe, aber das Arrangieren machen wir gemeinsam.

Bei Johnny La Marama komponieren alle, und wir komponieren auch mal gemeinsam. Wir verstehen uns als Kollektiv, für das alle Stück beisteuern. Die neue CD ist ja gerade herausgekommen, die dritte der Gruppe. Wir waren gerade auf Tour. Im  Sommer geht es nach Südamerika, im Herbst nach Japan. 2001 hat die Gruppe angefangen. Chris [Bassist Chris Dahlgren] war noch in New York, aber geprobt wurde Berlin, wo auch die Studioaufnahmen gemacht wurden, improvisierte Sachen, denen aber noch irgendwas gefehlt hat, weshalb wir ein, zwei Stücke noch mit Text versehen haben. Chris meinte, Finnisch wäre in Ordnung. Und dann habe ich zusammen mit meiner Frau überlegt, was man schreiben könnte und kamen auf den Namen des fiktiven Gangsters "Johnny La Marama“, der so eine Art Verlierer ist. Chris und Eric waren mit der Idee einverstanden, und über die Jahre haben wir für Johnny eine komplette Identität en twickelt. Wenn wir nicht weiter wissen würden ,dann müssten wir einfach immer nur fragen: Was würde Johnny da machen? Übrigens ist Johnny der Bastard eines amerikanischen Freejazz-Banjospielers!  Das steht  auch alles in der CD drin!

Pentasonic ist entstanden, nachdem ich ein paarmal solo aufgetreten bin, aber kein Konzept hatte. Dann habe ich mal für ein Hörspiel gespielt, und da sagte der Toningenieur, er hätte ein kleines Label und würde gern eine Platte machen. Dann habe ich über zwei Jahre immer wieder Demos aufgenommen,bis ich endlich einen Weg für was Orchestrales fand, mit Sampling, mit dem ich zurzeit beschäftigt bin. Auf der Bühne – daher der Name Pentasonic – mache ich Musik über fünf verschiedene Amps, die teilweise um das Publikum herum postiert werden. Die "Pentasonic"-CD ist auch als DVD abgemischt worden und kann deshalb surroundmäßig gehört werden. Aufgenommen wurde im Kammermusiksaal des ehemaligen DDR-Rundfunks in Köpenick, wo es etliche Studios gibt. Ich möchte dieses Solo-Projekt jedenfalls weitermachen. Ich hab' eine Booking-Agentin und hoffe, dass das weiter gehen kann. Das Feedback bisher war sehr gut. Die Gitarre hat hier in Berlin Frank Deimel gebaut, eine Solidbody ein bisschen im Stil der alten Fender Jaguar. Vorne hab' ich einen alten Gibson-Pickup aus den fünfziger Jahren drauf…

Der eigentliche Motor von Baby Bonk ist Martin Klingeberg. Wir kenne uns seit zehn Jahren und haben sehr ähnliche Ideen über Musik und Humor. Wir haben als Quartett angefangen, 2003, 2004, als die CD "Baby, sag die Wahrheit" raus kam. Jetzt sind wir ein Trio, in dem ich manchmal auch E-Bass spiele. Martin spielt Trompete und singt, Michael Griener spielt Drums und singt Background.

agas: Du singst doch auch, oder?

KK: Da singe ich auch Background. Die zweite CD von Baby Bonk, "Mama", ist gerade veröffentlicht und ist vielleicht noch etwas frecher als die erste, die von vielen gemocht wurde. Zur Zeit spielen wir relativ wenig, werden aber im Sommer wieder mit mehreren Gigs aktiv sein. Uns fehlt für Baby Bonk ein Booking-Agent oder eine Agentin…

Von K-18 kommt eine CD im Herbst 'raus. Das ist eine Besetzung aus lauter Finnen, ohne Schlagzeug, die von der Neuen Musik beeinflusst ist. Für diese Gruppe habe ich eine Art Stanley-Kubrick-Programm geschrieben. Der Akkordeonist der Band, Veli Kujala hat einen Viertelton-Akkordeon, den ich ständig im Sinn hatte: Ich wollte auch so was machen, auf der Gitarre. Ich bin ja kein Viertelton-Experte, aber auf der Gitarre lassen sich doch ganz schöne Bendings machen. K-18 liegt irgendwo zwischen Jazz und Neuer Musik. Die erste CD ist noch nicht draußen; aber so bald sie veröffentlicht wird, sind wir auch wieder aktiv. Unser Bassist übrigens ist 68 Jahre alt und spielt Kontrabass. Wir haben auch schon zusammen Duo gespielt. Ich finde das sehr schön, mit Leuten von anderen Generationen  Musik machen zu können.

agas: andersherum gefragt: Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner für die Summe all deiner musikalischen Aktivitäten?

KK: Ich glaube schon. Der gemeinsame Nenner ist meine Persönlichkeit, ich meine all das, was mich ausmacht. Ich versuche, mich bei jedem Projekt besonders auf das zu konzentrieren, was die spezifischen Stärken der jeweiligen Band ausmacht. Ich will vor allem eins: Auf die Bühne gehen und spielen, wie ich noch nie gespielt habe. Ich will einfach das Beste daraus machen.

agas: In meinen Worten wäre das so: Die "Parasites" machen am ehesten das, was man modernen Jazz  nennen könnte; solistisch machst alles Mögliche und auf der Bühne mit jeder Menge Hardware, und sowohl die Gruppe Johnny La Maramara als auch Baby Bonk sind für meinen Verstand moderne St. Pepper-Konzepte mit z. T.  tiefgängigem Humor oder fast schon so was wie Musikkabarett. Wie vertragen sich eigentlich finnischer Humor und deutscher Bierernst, wenn es um so etwas wie Kunst geht?

KK: Ja, die Jazz Parasites. Mit denen zu spielen, ist einfach wunderbar. Wir spielen schon lange zusammen, und Ed Schuller ist ja ein Musiker, der direkter von den Roots herkommt… Ich habe ja Jazz selbst studiert und geliebt; aber ich habe wenig Chancen gehabt, solchen  Jazz zu spielen, weil ich für mich selber nach andern Dingen gesucht habe. Trotzdem haben wir so etwas wie einen gemeinsamen Stil gefunden, der im Kern bedeutet: Es darf nicht so kalt zugehen; und man muss immer versuchen, emotionaler heranzugehen, ohne sich aber in Kleinigkeiten zu verzetteln.

agas: Noch was zu Deimel?

KK: Deimel baut mir gerade eine neue Gitarre. Die wird ähnlich sein wie die andere, auch im Sound. Er hat die Gitarre perfekt auf mich zugeschnitten, mit zwei Ausgängen, einer für Piezo, der andere normal. damit ich in zwei Amps 'rein kann.

agas: Was für Saitenstärken bevorzugst du eigentlich?

KK: 11er  –

agas: - ziemlich dicke für deine Musik…?

KK:  Schon, aber eher was für Rock als für Country, aber auch etwas Jazz drin. Country, Blues und Rock, das ist das, was mir meine Klangästhetik liefert, Tiefen, Höhen, Wärme, voll von allem. Und ich verwende ja auch Effekte; oder ich präpariere die Gitarre gelegentlich auch. Auf "Chasing Yellow" habe ich in "99 Hookers" in einer offenen C-G-C–G-c-e-Stimmung gespielt. Wegen dieser Stimmung habe ich auf meiner Ibanez Artist superdicke Saiten gehabt, 13er

agas: So, und zum guten Schluß und nach der Fachgesimpel – gibt es noch irgendetwas, was dir besonders am _Herzen liegt? Lob, Beschwerden, Tadel, Kummer, Freude, Hinweise, Ratschläge, Anliegen – irgendetwas, das du zum Abschluss sagen möchtest?

KK: Ich bin einfach froh, dass ich Musik machen kann und hier in Deutschland, hier in Berlin, das ich liebe,  einen Weg gefunden habe, Menschen zu erreichen. 

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