Steppinforward: Torsten Goods ist nicht zu bremsen

 

BBQ mit Benson & Co

 

Seine Mutter ist Irin und spielt Klavier, sein Vater spielt den Blues auf dem Bass. Beide heißen gut deutsch Gutknecht. Dass aus beider Sprössling ein frühreifer Gitarrist und Sänger namens Torsten Goods wurde, hat dieser dem großen Les Paul zu verdanken. Der nämlich konnte bei einer Session in New York den Familiennamen des deutschen Einsteigers nicht aussprechen und kürzte ihn – wie einst sich selber von Polfus zu Paul - von Gutknecht zu Goods. Solch eine Umtaufe verpflichtet. Weshalb Torsten auch deutlich herausstreicht, dass er keineswegs ein Wunderknäblein war, als er 2002 mit “Manhattan Walls” erstmals an eine größere - und faszinierte - Öffentlichkeit trat. Sondern dass der Weg zum ganz großen Ruhm hart ist. Aber immerhin: Ein deutscher Mitt-Zwanziger, der als Sänger Frank Sinatra und als Sänger/Gitarrist George Benson verehrt, eine schier unüberschaubare Zahl anderer Musiker bewundert und sich seit “Manhattan Walls” damit rühmen darf, sogar als Nicht-Amerikaner ein sehr gelobter Künstler in den Druckseiten der höchst renommierten US- Zeitschrift “Just Jazz Guitar” zu sein, der ist inzwischen auf dem Weg weit genug voran gekommen, auf sich selbst Bewunderung zu ziehen

 

agas: Sag mal bitte, wie alt oder jung du nun wirklich bist.

 

TG: Ich bin 25; 1980 geboren.

 

agas: Lass uns gleich mit der Tür mitten ins Haus fallen und sag' uns ein bisschen was zu deinem neuen Album.

 

TG: Wir waren zwei Wochen lang Ende März und Anfang April im Studio. Wir, das sind Jan Miserre, Piano, Marco Kühnl am Bass und Christoph Huber, Schlagzeug. Unmittelbar vor Beginn der Aufnahmen war ich noch in London gewesen, bei der London International Jazz Competition. Wir waren zwölf Leute, die es unter einigen hundert geschafft hatten, ins Semifinale zu kommen.

 

agas: Und als was? Eher als Gitarrist oder als Sänger?

 

TG: In erster Linie als Sänger. Ich bin dann unter die ersten sechs ins Finale gekommen, und das Abschlusskonzert fand dann vor ungefähr fünfhundert Zuhörern in der Cadogan Hall statt. Das war schon ein eindrucksvolles Erlebnis. Und natürlich waren da auch viele Branchenleute. Ich war übrigens im Finale der einzige Europäer und der jüngste Sänger. Gewonnen hatte dann ein 52jähriger Philipino… Ja, das Album. Das wird voraussichtlich Irish Heart heißen. Wir waren jeden Tag zwölf Stunden im Studio, und das war eine zwar sehr anstrengende, aber doch auch sehr positive Zeit. Der Titel spielt natürlich an auf die Tatsache, dass ich viel Verwandtschaft in Irland habe. Das ist übrigens eine interessante Geschichte, wie es überhaupt zu diesem Album kam. Siggi Loch von ACT kannte mein aktuelles Album "Steppin'" und hatte mich wohl seit ungefähr einem Jahr beobachtet; und kurz nachdem ich aus Washington zurückgekommen war, schickte ich ihm auf seine Anfrage hin ein neues Demo. Als er das dann gehört hatte, meinte er, das sei vom Repertoire her wohl doch ein bisschen zu amerikanisch. Er sah darin die Gefahr, ich würde nachher doch allzu sehr mit Kollegen Benson, Pizzarelli und Michel Bublé verglichen werden, was dann meinen Gesang und mein Gitarrenspiel gleichermaßen treffen könnte.Und dann hörte er mich mal live mit meiner Band spielen, und ich spielte "Danny Boy" -

 

agas: - das schönste Lied aller Zeiten -

 

TG: - ganz genau; jedenfalls hörte er das und sagte dann: Mach' doch eine irische Platte, eine mit lauter Songs von Iren. Und dann haben wir uns aus Van Morrison, Chris de Burgh und irischen Traditionals ein Repertoire zusammengestellt und versucht, daraus Jazz zu machen. Das war natürlich eine Menge Arrangier-Arbeit. Die CD, auf der als Gäste die Sängerin Ida Sandlund, der Trompeter Julian Wasserfuhr, Lutz Häffner, Sax, und für zwei Titel eine ganze Big Band zu hören sind, wird in der ACT-Reihe "Young German Jazz" erscheinen. In der hat ja auch schon Michael Wollny veröffentlicht. Übrigens ist Jan Miserre, der Pianist meiner Band, derjenige, der mich überhaupt zum Jazz gebracht hat. Er wohnte damals ganz in der Nähe meines Elternhauses, wir waren gute Freunde, und er spielte schon seit der Wiege Jazz. Und ich als Teenage-Rocker war davon ganz beeindruckt, und so ergab sich das. Er studiert zurzeit in Berlin. Diese Band, das ist meine working band, das heißt, man hat viel Zeit zum Proben und ist eben wie im ursprünglichen Sinne eine echte Band – vier Freunde.

 

agas: Wie viele Titel werden drauf sein?

 

RG: Zwölf. Drei von denen sind von mir.

 

agas: Alle mit Gesang?

 

TG: Nein. Drei, vier Instrumentals sind auch dabei.

 

agas: Wann wird sie herauskommen?

 

TG: Voraussichtlich am 27. Oktober 2006.

 

agas: Erzähl' mal ein bisschen was über den Thelonius Monk Contest im letzten Jahr.

 

TG: Na ja, ich hatte schon viel über diesen Wettbewerb gehört. Er ist ja der größte Contest der Welt; denk' nur an Joshua Redman oder Joye de Francesco und viele andere Große von heute, die dort schon gewonnen hatten. Aber genau deshalb dachte ich: Das dürfte wohl 'ne Nummer zu groß für dich sein. Aber dann erzählte mir ein Freund, [der Gitarrist] Benedikt Reidenbach aus Berlin, dass er sich beworben hätte. Und daraufhin sagte ich: Das mach' ich auch. Ja, und die Einladung nach Washington - die kam dann übers Handy. Ich konnte es erst gar nicht glauben, als die mich da aus Washington anriefen und sagten, ich wäre unter den letzten 10 im Semifinale. Und dann wohnst du im berühmten Watergate Hotel, und an der Hotelbar sitzen Wayne Shorter und George Benson und Pat Martino, Herbie Hancock, Clark Terry und Dee Dee Bridgewater, und dann fachsimpeln Benson und Martino, wer ihr Lieblings-Drummer in den Sechzigern war und über ihre vielen hangs zu dritt mit Wes, und du denkst, dir fliegen die Ohren weg; und dann tauchen da Russell Malone und John Pizzarelli auf, und du denkst, du bist im Paradies.

 

agas: Benson. Ich hatte immer ein ziemlich gebrochenes Verhältnis zu ihm, wahrscheinlich, weil ich zu puristisch bin und Benson streckenweise zu kommerziell. Vor Kurzem hat Peter Autschbach fertig gebracht, mich von der sorgfältigen Pflege meines Vorurteils abzubringen…

 

TG: Benson ist riesig. Und trotz seiner Identität als Pop-Megastar hat er nie seine Liebe zur und Hingabe für die Jazzgitarre aufgegeben. Wenn ich Benson solo spielen höre, ist er für mich immer noch einer der Größten, wenn nicht zurzeit sogar der weltweit Größte… Der Monk Contest selber - das ging mit einer Riesen-Einladung los. Man wurde behandelt wie… wie ein König. Es gab in Washington Fernsehinterviews mit den Finalisten, eben dieses tolle Hotel und und und. Und die Begleitband war ein Traum, Chris Potter, Sax, Terri-Lynn Carrington, Schlagzeug, Bob James, Piano, James Genus, Bass. Ich hab' das als eine Riesenehre empfunden, mit denen proben und spielen zu dürfen.

 

agas: Wie lief das ab?

 

TG: Jeder musste einen Monk- und zwei Titel eigener Wahl bieten. Ich habe mich für "Nuages" entschieden, ein Lied aus Europa, und einen eigenen Song, "Intimate Desire" von meinem ersten Album. Und ich war tatsächlich der einzige angereiste Europäer dort. Dann kamen zehn in die engere Wahl, und es gab drei Gewinner. Den Ersten machte [der norwegische, seit acht Jahren in den USA lebende Jazzgitarrist] Lage Lund: sehr mathematisch, sehr modern, technisch sehr anspruchsvoll - natürlich ein absolut verdienter Sieger, auch wenn meine eigene Jazzrichtung eine andere ist. Ich hab' später mit Russell Malone darüber gesprochen, als er hier in Nürnberg war, und der sieht die Probleme, die die Moderne gelegentlich hat, genauso…

 

agas: Das Problem der "Kopfigkeit" im modernen Gitarrenjazz…

 

TG: Darum liebe ich ja auch Peter Bernstein über alles; ich hab' ihn drei Nächte in New York gehört, und er hat jeden Abend frisch, inspiriert und anders als am Vorabend geklungen - ein unglaublicher Künstler.

 

agas: Er hat eben den Spagat zwischen der klassischen und der heutigen Moderne meisterhaft geschafft. Sehr wahrscheinlich hat der Einfluss von Grant Green ihm dabei geholfen.

 

TG: Ja, ganz sicherlich. Da ist einfach die Mischung zwischen Kopf und Bauch in Ordnung. Vieles ist mir heute zu kalt, zu intellektuell, zu distanziert, zu kalkuliert.

 

agas: Zurück zum Contest.

 

TG: Ja, richtig. Den zweiten Platz hatte Miles Okazaki gemacht. Der hat wahnsinnig gespielt, auch ein Coltrane-Stück, "Countdown"… Lage ist übrigens 28, Miles ist 29. Dritter wurde David Mooney. Kennst du den?

 

agas: Nein, leider nicht. Was macht der?

 

TG: Er spielt Sevenstring-Archtop, so "richtig Howard Alden", aber viel moderner vom Material her. Er kommt aus New Orleans, und das war gerade die Zeit, als New Orleans die Flutkatastrophe hatte. Und dann stellte sich heraus, dass er da unten alles verloren hatte. Der Publicity-Effekt war enorm; aber die 5.000 Dollar kamen ihm dann ja auch gerade recht, er hat es auch wirklich verdient. Ein toller Musiker… Musik ist nun mal kein Sport. Aber alles in allem haben doch die sportlichsten gewonnen.

 

agas: Wie sieht bei dir heute das Verhältnis von Gesang zu Gitarre aus?

 

TG: Da muss man schon unterschieden. Auf CDs bietet sich mehr Gesang an, denn das gefällt der Masse an Leuten mehr, und ich habe auch nichts dagegen. Ich habe ja schon immer gesungen, schon seit ich noch ganz klein war - und ich liebe es genauso zu singen wie Gitarre zu spielen. Ich wollte eben schon immer beides machen.

 

agas: Das irische Blut?

 

TG: Schon möglich. Ich liebe beides auf eine gewisse Art. Aber ich mache auch viele Gigs nur mit Gitarre. In erster Linie bin ich schon ein Gitarrist, der singt.

 

agas: Wie sieht denn ein normaler Arbeitstag heute bei dir aus? Lässt sich das darstellen?

 

TG: Schwierig. Ich spiele ja in ein paar Bands mit, wie zum Beispiel in der von Julian [Trompete] und Roman Wasserfuhr [Piano]. Julian spielt wirklich wie Chet Baker, wunderschön. Mit seinen 18 Jahren ist er einer der talentiertesten jungen deutschen Musiker. [zählt einige weitere Aktivitäten als Sideman auf]. Jetzt, am 2 Juli, spielen wir auf der Jazz Baltica - am selben Tag übrigens wie das Pat Metheny Trio und das Brad Mehldau [Piano] Quartet mit Peter Bernstein! Ansonsten versuche ich die üblichen organisatorischen Dinge: Telefonieren, Emails usw. auf die Reihe zu kriegen. Ich habe ein paar Privatschüler und versuche natürlich immer noch zu üben, wann und wo ich kann.

 

agas: Was ist mit dem Üben? Übst du regelmäßig? Hast du da bestimmte Rituale?

 

TG: Das wird jetzt wieder mehr. Zum Glück habe ich ja seit einem Jahr eine Agentin [Regine Burk, www.burk-artist.de] und dadurch wieder mehr Zeit dafür. Ich übe hier zu Hause, ohne Amp, gerne abends und schau mir gerne DVDs von Jazzgrößen an. Das gibt mir Inspiration.

 

agas: Schreibst du viel, schreibst du gern?

 

TG: Na ja, mh… Ich brauche zum Schreiben immer einen Grund. Wenn beispielsweise eine neue Platte ansteht oder jemand mich konkret nach einem Song fragt, setze ich mich hin, und dann kommt schon was dabei heraus. Dass mich die Muse einfach so küsst, das passiert allerdings nicht so häufig.

 

agas: Du bist jetzt 25 und schon einige Jahre aktiv. Da liegt ja, simpel journalistisch

gedacht, die Assoziation vom "Wunderkind" schon ganz schön nah. Wie ist das bei Dir? Alles Begabung, alles in den Schoß gefallen? Glückliche Fügungen? Fleiß, Ehrgeiz? Was steckt hinter deinem offenkundigen Erfolg?

 

TG: Teilsteils. Es war schon sehr hart. Es stimmt zwar, dass mir Vieles leicht zugeflogen ist. Als ich 14, 15 war, habe ich sehr viel geübt. Die Technik kam leicht, das Gehör war sehr gut. Aber alles andere, die Business-Seite und all das, das war ganz schön hart. Das Stipendium von der privaten New School for Jazz and Contemporary Music [New York City, www.newschool.edu/jazz] bekam ich, als ich noch zur Schule ging -

 

agas: Du hast Abi gemacht - wann?

 

TG: 2001… In den Sommerferien während der Schulzeit bin ich zweimal nach Connecticut geflogen zum "Jazz Summit" des National Guitar Workshops, mit Jim Hall, mit Bernstein, Howard Alden, Jack Wilkins und vielen anderen. Und ich habe da auch gespielt, und dann wollten sie ein Tape von mir. Jack Wilkins, der auch Dozent an der New School ist, hat mich dort gehört und für ein Stipendium empfohlen. Und so bin ich dann im August 2001 an die New School gekommen. Ein Jahr lang von den insgesamt anderthalb Jahren in New York haben mir meine Eltern geholfen, weil ursprünglich auch nur ein Jahr geplant war. Und ich bin meinen Eltern unglaublich dankbar, denn New York war wirklich die beste Schule, die man sich denken kann. Das ganze Feeling dort, die Klubs, die Live-Musik, die Möglichkeiten, einzusteigen - überall ist Musik, weißt du. Einfach all diese Ereignisse - dass Wynton Marsalis, Roy Hargrove oder eben George Benson einfach bei einer Session vorbeischauen und einsteigen, das ist der pure Wahnsinn. Und darum auch hatte ich mich für die New School und gegen Berklee entschieden. Aber unbedingt zugeflogen ist mir da auch nichts. Und auch die erste CD zu machen [torsten goods - Manhattan Walls, Jardis Records JRCD 20139], die ich schon vor meinem New-York- Aufenthalt gemacht hatte, ist mir nicht einfach so angeboten worden. Das war einfach immer so ein gewisser Tatendrang, der dann zu so etwas geführt hat.

 

agas: Du hast ja auch eine klassische Ausbildung auf der Gitarre genossen. Nenn' doch mal im Telegrammstil deinen musikalischen Werdegang.

 

TG: Mit neun Klavierunterricht, aber halbherzig. Mit 14 zur Gitarre gekommen, Heavy Metal während der Teeny-Zeit und all das, was Mitte der neunziger Jahre "in" war. Mit 16, 17 zum Jazz. Immer E-Gitarre und Plektrum. Und darum hat mich dann interessiert, mehr über das klassische Spiel zu erfahren, und so hatte ich dann mit 16, 17, 18 parallel zum Jazz auch klassischen Unterricht.

 

agas: Der Name Peter O'Maras taucht in deiner Biografie auf. Du seiest durch ihn zur

Jazzgitarre gekommen.

 

TG: Damals stand ich auf Rockgitarristen, Malmsteen, Paul Gilbert und solche Leute, Flinkfinger eben. Als ich 16 war, stieß ich auf Al Di Meola. Und 1997 hörte ich Peter beim Jazzworkshop in Erlangen auf der Session spielen, und da hörte ich Jazzgitarre überhaupt zum allerersten Mal live. Das war der Anfang von allem. Und dann fing ich an, stundenweise Einzelunterricht stundenweise bei verschiedenen Leuten zu nehmen, bei Helmut Kagerer, sogar Bireli [Lagrene] und im darauf folgenden Jahr habe ich dann beim Workshop bei Peter mitgemacht und im Sommer bei den Großen in den USA, bei Jim Hall und so weiter.

 

agas: Und dann?

 

TG: 1999 war ich dann zum ersten Mal beim National Guitar Workshop in Connecticut. Und da waren nur Jazzgitarristen auf einem Haufen, Bernstein, Hall, Alden, alles Archtoppers. Nicht nur das hat mich unglaublich beeinflusst, sondern auch, dass es dort etwas unbekanntere Gitarristen gab, die da auch unterrichteten, zum Beispiel Adam Rafferty, der mich - ich war 18 - stark beeinflusst hat. Der zweite von denen war Barry Greene, ein unglaublich guter Gitarrist. Auch der hat mich sehr beeinflusst… Und dann kam ich zurück nach Deutschland mit dem ganzen Material, das ich mir von dort mitgebracht hatte, mindestens 100 fotokopierte Seiten, und das habe ich dann Blatt für Blatt und lange durchgearbeitet. Nach dem Abi bin ich dann hingezogen. Ich hatte die Scholarship von der New School und dort dann erst ein Jahr Unterricht bei Vic Juris und dann noch ein halbes Jahr bei Jack Wilkins…

 

agas: Wenn man in das hineinschaut, was man an Biografischem von Dir bekommen kann, dann bekommt man den Eindruck, dass Du Dich einem wahrhaft bunten Haufen von Einflüssen ausgesetzt hast - Benson, Lagrene, Martino, Wes. Das rangiert doch im Grunde alles unter dem Rubrum "Mainstream", oder?

 

TG: Ich sag' dir mal, wie ich hier bei mir meine Gitarren-Platten geordnet habe. Ich hab' sie nach Musikern geordnet, und die Reihenfolge sieht so aus: Erst Benson, dann Wes, dann Martino, dann Pass, Django, Bireli und dann alle anderen. Was nicht heißen soll, dass ich alle anderen nicht mag oder respektiere. Ich liebe genauso Scofield-Platten oder Sachen von John McLaughlin. Aber auf diese Ersten komme ich vom Herzen her einfach immer wieder zurück.

 

agas: Was hörst du an Musik privat und zum puren Vergnügen, und was hörst du, weil du meinst, es aus beruflichen Gründen tun zu müssen?

 

TG: Das ist eine ganz interessante Frage. Denn erst in diesem Jahr ist mir das aufgegangen: Mensch, du hörst ja Vieles nur aus beruflichen Gründen! Der "Spiegel" hat mich mit Jamie Cullum und mit Michel Bublé verglichen. Das ist so eine Art contemporary Frank Sinatra, aber poppig arrangiert. Und Cullum, der singt und Klavier spielt, ist unglaublich erfolgreich. Früher hätte ich mir solche Sachen nie angehört, aber heute mach' ich das gerne, und das muss ich auch, einfach um zu sehen, was die Kollegen machen und wie der Markt heutzutage aussieht. Der "Contemporary-Jazz" von heute, finde ich, ist ja leider oft eine reine Musik nur für Musiker. Benson ist einer der Wenigen, die erkannt haben, dass sich musikalische Qualität und kommerzieller Erfolg überhaupt nicht ausschließen müssen, oder aktuell Diana Krall, Michael Bublé oder Jamie Cullum. Die Beatles haben's ja schließlich auch geschafft. Privat höre ich nach wie vor auch gerne meine Heroes, Queen, alte Michael-Jackson-Alben und viel Pop, aber natürlich auch black music, Herbie, Miles und Trane.

 

agas: Das ist ein ziemlich gutes Argument. Als Beatles-Fan jedenfalls fällt es einem damit noch leichter, mit Benson Frieden zu schließen. Aber wie ist das beispielsweise - weil du ihn erwähnt hast - mit John Pizzarelli? Magst du ihn? Liegt er dir?

 

TG: Ich finde ihn gut, auch wie er Rhythmus spielt. Einer der Größten für mich ist auch Frank Sinatra, besonders mit seinen früheren Sachen. Aber wenn Benson singt, dann sind da auch mal schwarze Elemente mit drin und nicht nur dieses weiße crooning. Und das gefällt mir.

 

agas: In deinen Bios taucht noch ein Name auf, hinter dem ein für dich wichtiger Mensch zu stecken scheint. Demnach gibt es in New York einen Seleno Clarke. Wer ist das denn?

 

TG: Seleno Clarke. Das ist eine tolle Geschichte! Er spielt wie Jack McDuff und ist ein Original in ganz New York, überall.

 

agas: Black or white?

 

TG: Ein Schwarzer. Und von zehn Stücken, die er am Abend spielt, sind acht Blues [lacht]. Und er ist ein alter, guter Freund von Benson. Seleno spielte immer mit seiner Harlem Groove Band im Showmanns Club in Harlem, eine Band, in der immer wieder alle möglichen tollen Musiker mitgespielt haben, wie zum Beispiel Mark Whitfield, Russell Malone und Rodney Jones. Und da habe ich dann öfters mal für eine der Herrschaften ausgeholfen. Und an einem Abend kam Benson auf einen Gig von uns im Showman's, wo er mich als erstes Fragte, was für ein Plektrum ich spiele, und wenig später war ich dann auch Gast auf einer Barbecue- Party bei Benson mit lauter Gitarristen aus der New Yorker Szene. An einem Dienstag im Smoke kam Dr. Lonnie Smith herein - und ich bekam die Chance, mit ihm zu spielen! New York macht's wirklich möglich, und Seleno hat es mir möglich gemacht. Da war ich 21.

 

agas: Noch ein Stichwort aus den Bios - China. Was war das?

 

TG: Das kam durch meine Verbindung mit [der Pick-Up-Firma] Shadow. Und Shadow baute damals gerade neue Nylonstring-Gitarren mit Pickups, und sie fragten mich, ob ich mitkommen würde zur Shanghaier Musikmesse. Und ich bin mit geflogen und war dann dort auf der Messe am Stand präsent und habe abends Shows gespielt, immer nur solo. Fernsehen, Radio, Medien, es war einfach alles dabei… Der Höhepunkt war dann das China International Arts Festival, auf dem ich dann auch einen Solo-Set gespielt habe.

 

agas: Mal ganz was anderes, nämlich auch an dich die Frage: Skalen oder Akkorde? Spielst du bewusst Skalen, wenn du improvisierst, oder entwickelst du, was du spielst, aus den Akkorden, die du im Kopf hast?

 

TG: Vor meiner Jazz-Zeit habe ich viele Kirchentonarten geübt und auch versucht, sehr schnell zu spielen. Aber im Jazz gehe ich anders an Standards heran. Ich finde das nicht sonderlich richtig, nur in Skalen zu denken. Viel besser und wichtiger ist es, ein Grundrepertoire an Skalen und Licks zu haben, aber dann zu versuchen, Melodien, die man hört, aber natürlich auch bestimmte Melodien aus Akkorden heraus zu spielen, etwa so, wie man Arpeggii spielt.

 

agas: Auf der aktuellen CD steppin' [Jazz4ever Records J4E 4767] spielst du auch "Nuages" -

 

TG: - ich liebe das Stück -

 

agas: - und du spielst es auf einer Akustikgitarre.

 

TG: Ja, eine Art Selmer, die Alphonse Keller gebaut hat.

 

agas: Alphonse Keller, Keller Guitars…

 

TG: Ja, er baut auch Archtops. Auf steppin' habe ich eine 16-Zoll-Gitarre gespielt, eine blonde, die auch auf dem Cover abgebildet ist. Diese Gitarren sind akustisch gespielt sehr laut, was natürlich sehr gut ist, wenn man zu Hause ohne Verstärker üben will. Keller kam dann auf mich zu und sagte, er wolle mir eine Gitarre bauen, und das wurde dann eine 18-Zoll-Gitarre, mit sehr schönen F-Löchern, nicht den üblichen europäischen, sondern eher amerikanisch moderner geschwungen… diese, sagen wir, "Haifisch"-Form Und sie ist eine blaue Gitarre. Ich glaube, dass sich das für Live-Auftritte ganz gut macht - so eine Art Wiedererkennungseffekt. Auf der neuen CD spiele ich sie auch, genau so wie auf dem Archtop Germany Solo-Sampler -

 

agas: - der auch demnächst herauskommen wird… Torsten, wenn man so jung ist und für sein Alter schon so viel von der Welt gesehen, so viel schon an Erfahrungen gesammelt und schon so viel erreicht hat - wie sieht das dann aus mit weiterenZielsetzungen, sagen wir: neuen Etappenzielen? Und wer so jung ist, lebt ja weit mehr in der Gegenwart als Ältere. Wie sieht das bei dir aus? Gibt es Nah-, gibt es Fernziele, und wie sehen die aus?

 

TG: Stimmt schon: Ich lebe sehr gern jetzt. Aber irgendwann möchte ich auch eine Familie haben und vielleicht sogar mal ein Häuschen. Als Freiberufler ist das alles ja nicht so ganz einfach. Und mein größter musikalischer Traum ist es, die Freiheit zu haben, zum Beispiel einmal im Jahr eine CD aufzunehmen und unabhängig zu sein und spielen zu können, was ich will. Das war schon immer mein Traum… Aber, wie gesagt, von "Wunderkind" kann keine Rede sein. Bis hierher zu kommen, war harte Arbeit. Mich hat ja, wenn man's genau nimmt, niemand entdeckt, noch nicht entdeckt und gepusht, und insofern ist weiter zu machen und dranzubleiben und durchzuhalten auch harte Arbeit…

 

agas: Und doch mal zu etwas, was mir in deinen Bios aufgefallen war: die Nennung einer Gospel Choir Band in New York. Ich nehme an, in der hast du gespielt.

 

TG: Ja. Das betrifft den letzten Teil meines Aufenthaltes in den USA. Da kam der Musical Director dieser Band, der auch an der New School war, und fragte mich, ob ich einsteigen würde, um zum Beispiel in Gottesdiensten zu spielen; und ordentlich bezahlt würde es auch werden. Ich nahm an, und das half mir dann, meinen auf ein Jahr geplanten USA-Aufenthalt noch um ein weiteres halbes Jahr zu verlängern, mir meinen Lebensunterhalt zu finanzieren und mein Studium fortzusetzen -

 

agas: - dann bei Jack Wilkins.

 

TG: Das war eine lustige Geschichte. Der Reverend in dieser Kirche war kein anderer als die Rap- und Hip-Hop-Legende "Run" von der Gruppe Run DMC. Und die Musik war richtiges contemporary gospel mit sieben unglaublichen Soul-Röhren vorne dran und uns als Backing-Band. Aber dadurch war ich dann plötzlich auch enorm ausgelastet, weil es jede Menge für den Chor und die Band zu tun gab. Nur gab es während all dieser Gottesdienste wenig für die Band zu tun. Drei Gottesdienste pro Woche, immer dienstags und freitags von 18 Uhr bis Mitternacht und sonntags teilweise von elf bis abends um acht. Man sitzt da aber die meiste Zeit herum, spielt am Anfang eine Stunde lang und am Schluss praise & worship und nichts anderes als Rhythmusgitarre und fängt nach einer Weile an, zu denken: Mensch, eigentlich willst du doch ganz was anderes machen als Funk- und Rockbegleitung. Du willst doch auch Jazz spielen! Neben der ganzen Uni hatte ich dafür in New York auch kaum noch Zeit, und dann zog es mich doch auch wieder nach Hause. New York war zwar in musikalischer Hinsicht der reine Wahnsinn, aber Deutschland spielt eben doch auch eine große Rolle, nicht nur, was die Lebensqualität angeht, auch privat fühle ich mich hier schon sehr wohl. Und darum bin ich dann nach dem zusätzlichen halben Jahr wieder zurückgegangen. Die Entscheidung, das zu tun, war zusätzlich erleichtert worden durch die eher traurige Erkenntnis, dass Deutsche in Amerika so gut wie keine Chance haben, etwas zu "reißen", ich meine, mit einer eigenen Band als Leader die Klubs zu spielen. Die können dort zwar viel spielen und vor allem mitspielen, aber das war's dann auch, es sei denn, man ist längst arriviert, so wie Albert Mangelsdorff oder Herbolzheimer und ein paar wenige andere. Einen Deutschen wirst du ganz oben auf den Plakaten nicht finden. Ein gutes Beispiel der Entwicklung zum Positiven im eigenen Land ist das "Germany Jazz Festival", das im April im Theaterhaus Stuttgart stattgefunden hat und Albert Mangelsdorff gewidmet war - ausschließlich mit deutschen förderungswürdigen Bands, ein tolles buntes Programm, ein Super-Publikum und insgesamt her eine tolle Sache. Als wir da spielten, waren es an die tausend Leute. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, dort auftreten zu dürfen.

 

agas: Und zum seligen Ende noch die übliche Abschlussfrage: Gibt es irgendetwas, das dir auf den Nägeln brennt, irgendetwas, was du kritikwürdig findest oder auch lobenswert findest?

 

TG: Eigentlich das, was ich gerade gesagt habe. Ich finde, dass hier in Deutschland eine deutliche Besserung festzustellen ist, also dass es doch inzwischen sehr viele deutsche Jazzer wie Till Brönner gibt, die es schaffen, im nationalen oder sogar auch internationalen Plattenmarkt mitzuwirken und die alte alleinige Vorherrschaft der Amerikaner ein bisschen aufzulösen und zu zeigen, dass auch wir guten Jazz machen können und nicht nur Bach und Blasmusik. Und Siggi Loch, das möchte ich ganz ausdrücklich sagen, leistet gerade für diese Sache ganz hervorragende Arbeit mit seiner Platten-Reihe "Young German Jazz".

 

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