Die vier Jahreszeiten und Jazz: Thomas Andelfinger und Triologic plus Sax

 

Immer frische Luft

 

Ich kenne ihre Debütplatte "Dirty Fingers" nicht und weiß deshalb nicht, wie "dirty" wessen Finger waren, wobei ich mir's gar nicht vorstellen kann, dass da irgendwas dirty war. Wenn es ein paar Noten waren, dann lässt das auf Bluesiges und/oder Jazziges schließen, was in Bezug auf das Nachfolge-Album "Seasons" [Mons Records MR 874481] nicht so ganz einfach ist. Was aber nicht das Geringste ausmacht, denn was Triologic spielt, das Potsdamer Trio um den Gitarristen Thomas Andelfinger (dessen Nachname eher bayerisch als erzpreußisch klingt...), ist irgendwie, irgendwo immer auch Jazz, entzieht sich ansonsten aber aller Kategorisierung. Man ist geneigt, was die drei spielen, einfach "triologisch" zu nennen, schon deshalb, weil das Musik mit Köpfchen ist, ganz positiv gemeint.

Thomas' Kollegen, der Kontrabassist Christoph Niemann und der Schlagzeuger Rüdiger Ruppert, sind hauptamtlich im Orchester der Deutschen Oper in Berlin beschäftigt, weshalb man erstmal geneigt ist, Thomas für den Musikus zu halten, der am ehesten Jazz im Blut hat. Erstmal. Aber es geht schnell mit dem Verschwinden solcher Vor-Urteile, auch wenn Rüdiger Ruppert kein "Swinger" im klassischen Jazz-Sinn ist, sondern ein fein ziselierender Tüftler, der stilvoll im Hintergrund seine unzähligen reizvollen Figuren klöppelt. Und der Bass von Christoph Niemann muss auch nur sehr selten mal marschieren, um Dampf zu machen. Und Thomas spielt seine Gitarre auch außerhalb aller Klischee-Räume, irgendwo zwischen Jazz und Rock, also: Fusion und undefinierbaren Gefilden, die er selbst in die Landschaft setzt, als namenlose Felder, in denen sich trotzdem wunderbar improvisierend umher spazieren lässt.

Zwei Drittel des Albums sind "Seasons", die drei restlichen Stücke sind eindeutig zeitgenössischer Jazz. Die zwei Drittel Jahreszeiten sind weder Vivaldi, noch sonstwer, sondern ganz allein Triologic plus eins: der "Gast", Saxophonist Steffen Weber, der sonst in der SWR-Bigband bläst und in Mannheim und Mainz als Dozent tätig ist, spielt in jedem Stück mit, ganz und gar nicht gastmäßig, sondern mindestens so prominent wie Andelfinger vertreten.

Es lebe die Melodie, nicht die vertrickste, schwierige Melodie, sondern die intelligente, über klare, einfache Harmonien drapierte Melodie, deren Schlüssigkeit beeindruckt, speziell in "Spring" und im "Autumn". Einfaches Thema = viel Platz zum Improvisieren. Das geht im Frühling so weit, dass man auch kurzzeitig den Verdacht all zu großer Nähe zur Gefälligkeit hegt. Doch jede Unterstellung von Banalität oder Trivialität wäre reiner Nonsens und löst sich sehr (rep.: sehr) schnell in die Luft auf, die frische, die durch alle diese Musik weht, mal als sanfter Frühlingshauch, mal als ausdauernde Brise im Herbst. Das Schlagzeug wühlt, der Bass akzentuiert, statt zu marschieren; die Gitarrenläufe sind allesamt geschickt und klug aufgebaut und fetischieren nicht das dextrale Showoff, sondern signalisieren eine Fülle intelligenter Gedanken. Thomas hat gut zu tun, logisch, mal als zweite Stimme hinter Weber, mal als Harmonielieferant und in jedem Stück auch als Solist, dessen lange Linien fließen wie das Wasser, das niemals verdunstet und niemals gefriert. Auch der Sommer erfreut sich hier der Mäßigung bei guten 22 Grad, trockener, klarer Azorenluft. Sommer ist Kurzweil, Weber springt temperamentvoll durch das Hoch über Thomas' Akkord-Synkopen. Das sommerliche Gitarrensolo grüßt leichthändig 'rüber ins Rock-Camp.

Der "Autumn Prolog" ist das atmosphärisch gelungenste und das dem Frühling verwandteste Stück: Beide werden regiert von einer sehr klaren Poetik der Einfachheit. Dass im Winter kurze Spannungsbögen den langen des Herbstes entgegengesetzt werden, irritiert ein bisschen; das Thomas für den "Winter"-Satz die akustische Nylonstring-Gitarre einsetzt, bringt dagegen willkommene Farben ins Weiß der Saison.

Die drei letzten Stücke, "Bebobaluba", "Kulala" und "Not Quiet" haben mit den "Seasons" nicht mehr viel zu tun und sind Jazz-Titel, der erste der drei ein veritabler Showstopper für Andelfinger, "Kulala" das fällige Feature für den  Bass und "Not Quiet" ein luftig-leicht groovender Uptempo-Rausschmeißer.

Jazz, nicht Jazz, triologic music: erfreulich, erfrischend, sympathisch, intelligent, kultiviert, voller Wärme und Verbindlichkeit. Triologic kennen gelernt zu haben, hilft, das Leben leichter zu nehmen, in zu heißen, schwülen Sommern wie in zu langen, kalten Wintern. Und sonst auch. Sie machen Freude, die drei bis vier, auf ganz schön hohem Niveau.

 

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